2017 Erntefeier Herzogenberg

Herbst 2017

Sonntag, 05. November 2017, 15.00 Uhr
Philharmonie Haarlem, Niederlande
Samstag, 18.11.2017 18.00 Uhr
Temple Neuf Strasbourg
Sonntag,  19.11.2017 18.00 Uhr
Kurhaus Baden-Baden

Heinrich von Herzogenberg
Erntefeier op. 104
Oratorium für Soli, Chor Orchester, Orgel und Gemeindegesang

Die Erntefeier hat eine theologisch sehr durchdachte Konzeption. Wie bei den anderen Kirchenoratorien benutzt Spitta als Textvorlage ausschließlich Bibelworte und Choralstrophen. Das Werk gliedert sich in Einleitung und drei Teile und bildet darin durchaus so etwas wie einen kirchlichen Anti-(Richard Wagner-)Ring. Spitta schreibt: „Bei längerer Beschäftigung mit dem [Erntedank-]Stoffe ergab sich mir, dass ihm eine das ganze Leben umspannende Bedeutung gegeben werden könne: Lebensfreude und Arbeit, Not und Sorge des Lebens, überwunden durch den Blick auf die in Christus gebotenen idealen Güter, der Ertrag des Lebens an dessen Ende und der Blick in die zukünftige Vollendung.“ So wird – in der Theologiegeschichte einzigartig – ein großer Bogen gespannt vom konkreten Erntedank bis zur „Ernte des Lebens“ im ewigen Leben, eine bemerkenswerte Zusammenschau von Erntedankfest und Ewigkeits-/Totensonntag.

Die Einleitung widmet sich der Erntedank-Motivik im engeren Sinne. Das Orchestervorspiel ist eine Choralbearbeitung zu „Nun danket alle Gott“. Das Anfangsmotiv des Liedes durchzieht auch alle folgenden Sätze, das abschließende Segens-Arioso ist eine wunderbare Paraphrase dieses so elementaren und (bis heute) beliebten Dankliedes.

Der erste Teil über das Lebensalter der Jugend wird heute am ehesten Verständnisschwierigkeiten bereiten. Chöre von „Jungfrauen“ und „Jünglingen“ artikulieren unbekümmerten Lebensgenuss, mit Alt. und Bass-Soli treten zwei „Alte“ auf und geben mahnend ihre Lebenserfahrungen weiter. Die Ermahnung wird ernstgenommen, und so bitte die Jugend „Lehret uns heilsame Sitten und Erkenntnis“. Obgleich sich das alles mit (virtuos zusammengestellten) Bibelworten gestalten lässt, wirkt es heute vielleicht etwas arg moralisch. Die Fragestellung gleichwohl ist alles andere als überholt: Der erste Chor kann als treffende Charakterisierung der modernen „Spaßgesellschaft“ und die Jugend verherrlichenden Leiblichkeitskultur gehört werden. Und die musikalisch faszinierende Form der Rede der Alten – strenger Kanon in der Umkehrung – wird den Inhalt doch ernster nehmen lassen (wie wir es auch bei Bachkantaten mit nur auf den ersten Blick abwegigem Text erleben). Das E-Dur-Schwelgen vom „züchtigen Weib“ schließlich verliert seine Kitschigkeit, wenn man die Tonart- und Motivparallelen erkennt zu anderen Werken, in denen Herzogenberg explizit dem Gedächtnis seiner verstorbenen Frau huldigt, „eine mit allen Gaben und Talenten wunderbar reich ausgestattete Frau“ (F. Spitta).

Der zweite Teil widmet sich mit unmittelbar sprechender Musik dem „Ernst des Lebens“. Den historischen Hintergrund bildet die um 1900 intensiv gestellte „soziale Frage“. Heute kann man es hören als kritischen Beitrag zur Arbeitslosenproblematik und zum eklatanten Wohlstandsgefälle in unserer Gesellschaft. Der „reiche Kornbauer“, musikalisch schamlos offen charakterisiert mit Trompeten-Protzerei, erscheint als Negativbild eines rein egoistischen Materialisten, die Sopranstimme hält mahnende Bibelworte dagegen, eine Art Revolutionschor droht den „Reichen (mit Bibelworten!) das „Verfaulen“ ihrer Güter an. Die Lösung ist – wie Spitta erklärt – folgendermaßen gestaltet: „Christus (Tenor) tritt auf. In einem herzandringenden Arioso mit Begleitung der Solo-Violine klopft er an die Türe der Hartherzigen und enthüllt ihnen ihre geistige Armut. Dann wendet er sich mit dem Ausdruck überquellender Liebe an die Mühseligen und Beladenen und ruft sie zu sich.“ Die Liebe Jesu Erfahrenden akklamieren mit Choralstrophe und Psalmversen, darunter der beliebte Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirt“. – Es gibt tatsächlich sonst kaum ein geistliches Chorwerk, das konkret die soziale Verantwortung des Lebens thematisiert.

Der dritte Teil beginnt als Gegenpol zum ersten Teil mit einem Chor der Alten, ein ergreifend gestalteter b-moll-Trauermarsch: „Alles vergängliche Ding muss ein Ende haben.“ Wieder tritt Christus dazwischen und eröffnet die ganz andere Dimension des neuen (ewigen) Lebens, musikalisch symbolisiert in der tonartlichen Umpolung nach dis-moll (statt fünf b stehen jetzt fünf Kreuze). Ein groß angelegter Chor unterstreicht dies, ehe weitere Christusworte die Hauptaussagen des Werkes markieren. Mit „Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freuet in der Ernte“ beginnt der grandiose Schlussreigen von Soli und Chor, der sich immer höher „schraubt“ bis zu ekstatischen Jubel. Dieser mündet – vorbereitet durch das Melodie-Anfangsmotiv bereits in Chor und Orchester – nahtlos ein in den Schlusschoral „Gloria sei dir gesungen“.
Im 20. Jahrhundert ist diese Liedstrophe Philipp Nicolai s von 1599 zum Inbegriff der Verbindung von ewiger und irdischer Glaubensfreude geworden. Das neue Gesangbuch von 1993 gibt ihr im Bach-Satz die Würde des Schlusssteines (Nr. 535). So ist die Erntefeier mit diesem Schlusschoral durchaus „up to date“. Und der Psalmvers der Schlussfuge „Denn bei dir ist die lebendige Quelle, und in deinem Licht sehen wir das Licht“ – der auch auf Herzogenbergs (erhaltenem) Grabstein auf dem Wiesbadener Friedhof eingemeißelt wurde – ist das zentrale Bibelwort, von dem aus der weltweit rezipierte Theologe Jürgen Moltmann heute, im 21. Jahrhundert, die drängenden Fragen der christlichen Weltverantwortung angehen will.

Musicians sans frontière Alsace-Ortenau
COV Haarlem
Collegium Vocale Strasbourg Ortenau
Philharmonischer Chor Baden-Baden
Singakademie Ortenau